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WIRTSCHAFT - ENERGIE
09.08.2011 - 16:10 Uhr
Atomwende trifft angeschlagene Versorger - Foto: dapd

Atomwende trifft angeschlagene Versorger

RWE, E.ON und Co. ringen nach eigenen Versäumnissen um neue Strategie

Berlin (dapd-nrw). Die Verleihung des "Dinosauriers des Jahres" im April nahm Jürgen Großmann noch mit Ironie. "Die Dinosaurier haben die Welt 165 Millionen Jahre regiert, dagegen ist der Mensch eine Eintagsfliege", flachste der RWE-Vorstandschef, als er den Schmähpreis des Naturschutzbunds Deutschland für seine Atomstrategie entgegennahm. Inzwischen aber ist nicht nur dem Noch-Chef des zweitgrößten deutschen Energiekonzerns die gute Laute vergangen. Die Atomwende der Regierung hat die "großen Vier" der Branche kalt erwischt.

RWE meldete am Dienstag für das erste Halbjahr einen Einbruch des Nettogewinns um 39 Prozent, nachdem tags zuvor schon Großmanns Ablösung im nächsten Jahr bekanntgegeben worden war. Konkurrent E.ON will am (morgigen) Mittwoch seine Pläne zum Stellenabbau erläutern - zur Debatte steht angeblich die Streichung von weltweit bis zu 10.000 Jobs, zumal auch beim Branchenprimus Gewinneinbußen vermutet werden. EnBW und Vattenfall vermeldeten für das erste Halbjahr sogar Verluste.

Abgesackte Aktienkurse, verschlechterte Kredit-Ratings, gedrückte Dividenden, Übernahmeängste: Experten beschwören schon eine Art Götterdämmerung der einst so mächtigen Energieriesen. "Die großen deutschen Konzerne - voran RWE und E.ON - stehen nun mit dem Rücken an der Wand", schrieb die "Süddeutsche Zeitung" über die Folgen des im Juni beschlossenen Atomausstiegs bis 2022.

Auch den Konzernen dient die politische Wende als plausible Erklärung für ihre Misere. "Politische Entscheidungen belasten RWE", verkündete der Essener Konzern. In seinem Halbjahresbericht verweist er auf die sofortige Stilllegung von acht Reaktoren, den Stufenplan für die Abschaltung der übrigen Meiler und die Lasten der Brennelementesteuer.

Tatsächlich aber stecken aus Sicht von Kritikern auch Managementfehler und falsche Strategien hinter der misslichen Lage der großen Versorger, die rund 80 Prozent des deutschen Strommarktes beherrschen. So bemängelte die Umweltorganisation Greenpeace im April, dass die Stromriesen die ja schon im Jahr 2000 von Rot-Grün eingeleitete Energiewende schlicht verschlafen hätten. Nur 0,5 Prozent des in Deutschland verfügbaren Stroms aus Wind und Sonnenkraft seien 2009 von den Großkonzernen geliefert worden.

RWE selbst gibt den Anteil von erneuerbaren Energien an seiner Stromproduktion für das erste Halbjahr 2011 mit vier Prozent an. Bundesweit liegt der Anteil von Ökostrom am Gesamtverbrauch - nach Zahlen des Branchenverbands BDEW für das erste Quartal - aber schon fast fünfmal so hoch: bei 19,2 Prozent.

Großmann selbst sagte jüngst in einem Interview der "Süddeutschen Zeitung", er habe in puncto Erneuerbare "2007 fast bei null angefangen" - obwohl das Erneuerbare Energien Gesetz schon seit dem Jahr 2000 Förderung versprach und in den Jahren seither einen phänomenalen Boom der Ökostrom-Branche auslöste. Auf Kritik, dem Konzern fehle der Ehrgeiz bei Investitionen in Erneuerbare, entgegnete Großmann lapidar: "Sie müssen schon verstehen, dass ich aber nur Geld ausgeben kann, das ich habe."

Allerdings verdienten die deutschen Energieriesen über lange Jahre überaus prächtig. So kam eine Analyse der Saarbrücker Wissenschaftler Uwe Leprich und Andy Junker im Auftrag der Grünen im Herbst 2010 zu dem Ergebnis, dass E.ON, RWE und EnBW allein im Krisenjahr 2009 zusammen mehr als 23 Milliarden Euro Gewinn einfuhren. Für die Jahre 2002 bis 2009 kamen die Experten in der Summe auf mehr als 100 Milliarden Euro Gewinn für die drei Konzerne.

Trotzdem schaffte es RWE gleichzeitig, bis Ende 2009 rund 29 Milliarden Euro Schulden anzuhäufen. E.ON wies im März eine Nettoverschuldung von 37,7 Milliarden Euro aus, die vorwiegend seit 2006 aufgelaufen waren. Ganz unabhängig von der Atomwende und der Brennelementesteuer musste der Konzern die Sparbremse einlegen. Bis Ende 2010 hatte das "Effizienzsteigerungsprogramm Perform to win" nach E.ON-Angaben die Kosten bereits um 1,1 Milliarden Euro gedrückt.

Trotz der hausgemachten Probleme und der politischen Entscheidungen sehen Experten die Großkonzerne nicht in akuter Gefahr. Die Atomwende werfe RWE "nicht aus der Bahn", versicherte auch Großmann am Dienstag. Vielmehr sieht der Konzern in der Energiewende auch "Chancen, die wir nutzen wollen". Investitionen, höhere Effizienz und neue Kraftwerke sollen RWE weiter gute Geschäfte sichern. Ab 2014 verfüge man über die modernste Kraftwerksflotte Europas, frohlockt der Versorger.

dapd

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