| POLITIK - ATOMAUSSTIEG |
| 26.03.2011 - 22:01 Uhr |
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Eine Viertelmillion demonstrierten für Ausstieg aus Atomenergie | |
| Großdemonstrationen in Berlin, Hamburg, Köln und München | |
Hamburg (OPEN REPORT-kh). Es hatte schon ein wenig von einem Déjà-Vu. Tausende Menschen, Alte und Junge, aus allen sozialen Schichten auf den Beinen aus Sorge um die Folgen der zivilen Nutzung von Kernenergie. Wie vor 25 Jahren wehten die gelb-roten „Atomkraft? Nein danke!“-Fahnen über den Köpfen der Menschen. Und doch es war auch anders, nicht nur, weil die Parka von damals heute Field-Jacket heißen. Viele Gewerkschaftsfahnen flatterten zwischen den roten Sonnen, IG Metall, Verdi und EVG. Vor allem aber bei den Rednern fiel es auf: der DGB-Vorsitzende Michael Sommer in Berlin oder der Vorsitzende der norddeutschen IG-Metall, Hartmut Meine, in Hamburg. Dass sich Spitzenfunktionäre der Gewerkschaften so eindeutig für den Ausstieg aus der Atomenergie aussprechen, gab es Mitte der Achtziger noch nicht. Und auch, dass eine Bundesregierung für einen Moratoriumsbeschluss kritisiert wird, hätte es damals wohl nicht gegeben. Es hat sich einiges geändert seitdem. Der Ausstiegskonsens unter der rot-grünen Bundesregierung dürfte dazu beigetragen haben. Auch der Hinweis des amtierenden Bundeswirtschaftsministers Brüderle, anschließend halbherzig dementiert, das aktuelle Moratorium sei „nicht rational“ und dem aktuellen Wahlkampf geschuldet, war wohl aus Sicht der Kernenergiebefürworter eher kontraproduktiv. Dass nun auch noch durchsickerte, dass sich Vattenfall, RWE und Co. selbst mit der Abschaltung der sieben ältesten Reaktoren nicht gefallen lassen wollen, sorgte für besonderen Unmut. Wer sich die Menschen, die zum Beispiel auf dem Hamburger Rathausplatz standen, ansah, kam um die Feststellung nicht umhin, dass es inzwischen einen breiten Konsens in der Bevölkerung zum schnellen Ausstieg aus der vor kurzem noch als unumgängliche „Brückentechnologie“ bezeichneten Stromerzeugung durch Kernspaltung geht. Tragisch ist allerdings schon, dass es dazu erst der aufrüttelnden Katastrophe in Japan bedurfte. Allein Erdbeben und Tsunami sind schon ausgesprochen tragisch; mit der noch immer hochriskanten Lage im AKW Fukushima geraten sie jedoch fast in den Hintergrund. Dass die Opfer der Naturkatastrophe nicht vergessen werden, war Probst Jürgen Bollmann und Hartmut Heine, den beiden Hamburger Hauptrednern, ein Anliegen. So war der eindrucksvollste Moment der Kundgebung das fünfzigtausendfache Schweigen in Gedenken an die vermutlich weit über 20.000 Opfer, nur begleitet vom Läuten der Hamburger Kirchenglocken. So wie in Hamburg haben zur gleichen Zeit auch die Demonstranten in den drei anderen Orten schweigend zum Ausdruck gebracht, dass sie bei aller politischen Zielrichtung der Veranstaltungen das Leid der Menschen in Japan nicht vergessen haben. Trotzdem war das kleine Grüppchen einer Tai-Chi-Gruppe, das in der Mönckebergstraße für die Erdbebenopfer sammelte, an diesem Tag eher ein Randereignis. Als sich der Demonstrationszug unweit des Bahnhofs Dammtor gegen 12.30 Uhr in Bewegung setzte, war schon klar, dass es weit mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmer sein würden, als die Veranstalter auch nur erhofft hatten. Bei einem kurzen Stopp der Zugspitze unweit der von der Polizei gut gesicherten Konzernzentrale des Atomenergieriesen Vattenfall hatten sich die letzten Demonstranten auf der Moorweide noch gar nicht in Bewegung gesetzt. Und während kurz nach 14 Uhr die Abschlusskundgebung auf dem Rathausplatz begann, war die drei Kilometer entfernte Lombardsbrücke immer noch voller Menschen, die sich langsam in Richtung Innenstadt bewegten. Am Ende zählten die Veranstalter 50.000 allein in Hamburg, die bei weitem nicht alle Platz vor der Bühne fanden. Rings in den Einkaufstraßen saßen, standen und tanzten die Atomkraftgegner an diesem Samstag und bestimmten das Bild der norddeutschen Metropole. Jeweils 40.000 Atomkraftgegner wurden aus Köln und München gemeldet, sogar 120.000 aus Berlin. In der Sache waren sie sich jedenfalls mit den Rednern einig: „Abschalten!“ war die oft skandierte gemeinsame Parole. „Fukushima mahnt: Alle AKWs abschalten“ lautete das Motto, unter dem sich die Teilnehmer an den Demonstrationen einen Tag vor den Landtags- und Kommunalwahlen in drei Bundesländern versammelt hatten. Kein Moratorium, sondern das endgültige Aus aller deutschen Atomkraftwerke und die sofortige „Energiewende“ zu Wind, Sonne, Wasser und Biomasse als Energiequelle forderten die Redner. Und so dürfte der Sprecher der Initiative „Ausgestrahlt“, Jochen Stay, wohl recht mit seiner Annahme haben, dass dieses Wochenende nicht das Ende sondern der Anfang einer neuen Anti-Atombewegung in Deutschland gewesen sein dürfte. Es sei denn, die politisch Verantwortlichen würden sich über die angedrohten Klagen der Energieunternehmen hinwegsetzen und doch noch das Ende der Atomenergie, einer „Technik des letzten Jahrhunderts“, wie es Hartmut Meine formulierte, beschließen. Neben regelmäßigen Mahnwachen an vielen Orten Deutschlands jeden Montagabend sind die nächsten Großdemonstrationen für Ostermontag terminiert, dann jedoch nicht mehr in Innenstädten sondern an Standorten der Atomindustrie. Von Kurt U. Heldmann | |
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Tags: Atomausstieg Demonstration Anti-AKW-Bewegung Hamburg Fukushima Politik Bericht |

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